AKTUELL 

Zum Vergrößern klicken.

Wie lange noch – oder: was eine Weinberglage im Schwarzwald mit der Hoffnung auf bessere Zeiten zu tun hat.

Ermutigung am Montag, 11. Mai 2020: Heute nimmt uns die Theologin und kfd-Frau Michaela Ferner mit auf eine Zeitreise – ins alte Israel von vor tausenden von Jahren, und in die Zeit des 30-jährigen Krieges hier in Deutschland. Sie schaut dabei auf die Hoffnungszeichen von damals – Hoffnungszeichen, die wir auch heute für uns entdecken dürfen.

Wie lange noch?
Wie lange noch müssen wir auf viele Kontakte verzichten?
Wie lange noch dürfen wir uns nicht in unseren Gruppen treffen?
Wie lange noch dürfen wir unsere alten Eltern nicht im Altenheim besuchen?
Wie lange noch dürfen wir keinen Besuch im Krankenhaus machen?
Wie lange noch dürfen wir unser Enkel und geliebte Menschen nicht umarmen?
Wie lange noch dürfen wir kein Fest feiern?
Wie lange noch dürfen unsere Kinder nicht in die KITA oder in die Schule?
Wie lange noch dürfen wir Menschen nicht die letzte Ehre erweisen?
Wie lange noch müssen die Kommunionkinder auf ihr Fest warten?
Wie lange noch müssen Brautleute auf ihren Hochzeitstermin warten?
Wie lange noch müssen wir auf Theater und Konzert verzichten?
Wie lange noch müssen wir warten auf Gottesdienste ohne Einschränkungen?
Wie lange noch muss ich mit Kurzarbeitergeld auskommen?
Wie lange noch muss ich um meinen Arbeitsplatz bangen?
Wie lange noch müssen Menschen auf Grund des tödlichen Virus sterben?
Wie lange wird es dauern bis es Medikamente oder Impfstoffe gibt?
Wie lange noch ………………….

Wie lange noch HERR, vergisst du mich ganz?
Wie lange noch verbirgst du mein Angesicht vor mir?
Wie lange noch muss ich Sorgen tragen in meiner Seele Kummer in meinem Herzen Tag für Tag?
Wie lange noch darf mein Feind sich über mich erheben?
Blick doch her, gib mir Antwort, HERR, mein Gott, erleuchte meine Augen, damit ich nicht im Tod entschlafe, damit mein Feind nicht sagen kann: Ich habe ihn überwältigt, damit meine Gegner nicht jubeln, weil ich wanke!
Ich aber habe auf deine Güte vertraut,
mein Herz soll über deine Hilfe jubeln,
Singen will ich dem Herrn,
weil er mir Gutes getan hat.
(Psalm 13)

So betet und klagt jemand vor tausenden von Jahren in Israel.
Ein Lied, heute aktueller denn je.
Schon damals wird gefragt „Bis wann soll bzw. darf das denn noch dauern?“ In dieser Frage drückt sich Ungeduld und die Erschöpfung des betenden Menschen aus, der am Ende seiner Kraft ist. Seine Feinde scheinen zu triumphieren. Die Feinde sind immer die, von denen der Beter oder die Beterin denkt, es seien seine oder ihre Feinde. Es können böse Menschen oder Mächte sein, Ängste, Misstrauen – oder eben wie zur Zeit gefährliche Viren. So ist mit dem Tod im Psalm nicht nur der leibliche Tod, sondern auch der soziale Tod gemeint, der Verlust von menschlichen Beziehungen, aber auch Gottesferne und Gottverlassenheit.

Dieser Psalm hat jede menschliche Barbarei und jede Katastrophe überlebt. Und wird immer noch von jüdisch und christlichen Gläubigen gesungen.

Machen wir eine Zeitreise in den Dreißigjährigen Krieg. Aus dieser Zeit gibt es eine Mut machende Geschichte aus dem Schwarzwald.

Ein junger Mann wandert über die Höhen des Schwarzwaldes. Er konnte sich als einziger vor den mordenden Soldaten in seinem Dorf retten. Alles ist niedergebrannt. Nun wandert er von Ortschaft zu Ortschaft. Überall das gleiche: Erschlagene Menschen, verbrannte Höfe – alles menschenleer, entvölkert. Es sieht aus, als sei er der letzte Überlebende des Krieges. „Wie lange noch“, fragt er sich, „soll ich noch umherirren? Wo ist Gott in dieser Zeit? Aber vielleicht finde ich doch noch ein Mädchen zum heiraten. Ich vertraue auf dich, Gott. Vieles hast du mir schon im Leben geschenkt.“ Er kommt nach Sasbachwalden. Dort sitzt in den Trümmern eine junge Frau. Der junge Mann ruft spontan aus: „Ein Mensch – De alde Gott lebt noch!“

Wie heißt es am Ende des Psalms 13?
Ich aber habe auf deine Güte vertraut,
mein Herz soll über deine Hilfe jubeln,

Nach allen Klagen erinnert sich die Beterin oder der Beter daran, wie viel Gutes Gott ihm oder ihr schon im Leben geschenkt hat. So ruft der Psalm am Ende vor allem zur Hoffnung auf.
Singen will ich dem Herrn,
weil er mir Gutes getan hat.

Der Ausruf: „De alde Gott lebt noch!“ haben die Menschen seit dem Dreißigjährigen Krieg in Sasbachwalden in ihrem Gedächtnis bewahrt. Sie haben der gesamten Weinberglage in ihrer Ortschaft diesen Namen gegeben. In manchen Weinhandlungen können Sie Flaschen mit dem Etikett „De alde Gott“ finden.

Und wir heute – wann können wir sagen: „De alde Gott lebt noch“?
Mir fällt dabei einiges ein. Ich denke dabei an:

  • Die junge türkische Familie in meiner Nachbarschaft, die sich bereit erklärt hat für mich einzukaufen
  • Die Ärzte und Ärztinnen, die Schwestern und Pfleger auf den Intensivstationen, die all ihre Kräfte einsetzten für die Kranken.
  • Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Altenheime und Sozialstationen, die Hilfe und Trost spenden, ohne Abstandsregeln einhalten zu können.
  • Die Italienerinnen und Italiener, die auf den Balkonen gesungen haben.
  • Die Kinder, die geboren werden
  • Das von einem Kind gemalte Bild im Fenster mit dem Regenbogen und der Aufschrift: „Alles wird gut!“
  • Alle, die auf irgendeiner Weise, versuchen den Kontakt mit den alten Menschen in den Heimen zu halten.
  • Verantwortliche Politiker und Politikerinnen, die um den richtigen Weg und die richtigen Worte in der Krise ringen.
  • Alle, die in den wissenschaftlichen Labors nach Medikamenten und Impfstoffen forschen.
  • Alle, die im Gebet unsere Klagen und Bitten vor Gott bringen
  • Das Läuten der Glocken, die uns sagen: „Gott ist da.“
  • An meinen kfd-Vorstand in Oggersheim Christ-König, der in der jetzigen Situation mit dem Brief „Atemholen“ Mut machen und mit den Mitgliedern in Verbindung bleiben will.
  • An das Lachen der Jugendlichen, das am Montag auf den Schulhof, der meinem Haus gegenüberliegt, zurück gekehrt ist.
  • An meine Augen, die sich am bunten Kleid der Natur erfreuen
  • An meine Ohren, die das Zwitschern der Vögel hören
  • An meine Nase, die den Duft des Flieders riecht.
  • An meine Hände, die Samen in die Erde legen, damit neues Leben sprießen kann
  • ……………………………………………………

Bestimmt können Sie meine Erfahrungen noch ergänzen.
Zünden Sie sich eine Kerze an und schenken Sie sich ein Glas Wein oder Saft ein –
und trinken Sie auf „De alde Gott“ –
wer will auch auf die „alde Göttin“
– denn sie lebt noch.

(Text: Michaela Ferner, Bild: pixabay)